Porträts einer kaputten Gesellschaft

Gangsta Rap: die neue Webdoku der Schauspielerin und Regisseurin Sandy Lakdar über den Alltag der amerikanischen Rap-Szene. Sehen Sie das erstaunliche Porträt einer Gesellschaft, die soziale Armut und gewalttätige Reaktionen hervorruft. In sechs Teilen und exklusiv für die Website von ARTE

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Am Abend des 7. Oktober 2006 landete ich auf dem Flughafen von Los Angeles. Ich verbrachte die Nacht bei meiner gleichaltrigen Freundin Anastaceia in Glendale, einem Vorort in der Nähe von Hollywood. Am nächsten Nachmittag fuhren wir aufgeregt auf den Freeway. Dort ging es erst in Richtung Flughafen, dann gen San Pedro und schließlich immer geradeaus. Wir fuhren immer weiter, ohne genau zu wissen, wohin.

Eine halbe Stunde später sehen wir am Straßenrand einen etwa zwanzigjährigen Mann, der sich mit zwei Mädchen seines Alters unterhielt. Nach anfänglichem Zögern stellen wir ihm die entscheidende Frage, ob wir schon „in the ghetto“ seien. Der Typ und die Mädchen nicken lachend. Wir sind mittendrin! „Ich mache Gangsta Rap! Bei mir bist du richtig, Mann! COMPTON! Die Heimat von Eazy-E – hier ist sie! Ich bin selbst aus East-Compton!“ Der junge Rapper und eingeschworene Eazy-E-Fan mit dem Pseudonym Big2DaBoy lädt mich für denselben Abend in sein Studio ein, um ihn rappen zu hören und ein erstes Interview aufzunehmen.

Ausschnitt aus dem Buch "Keep it Gangsta" von Sandy Lakdar, erschienen bei Camion Blanc (auf Französisch).


Hier ist es egal, wie du lebst und woher du kommst. Die Musik gehört wie selbstverständlich zum Leben aller Menschen, die ich auf meiner Reise traf. Glaube und Stolz aufs Ghetto nähren ihre Reime, sind das Blut in ihren Adern und die Luft in ihren Lungen, die sie am Leben erhält und nie die Hoffnung verlieren lässt.

Ausschnitt aus dem Buch "Keep it Gangsta" von Sandy Lakdar, erschienen bei Camion Blanc (auf Französisch).


Milaton ist dreiundzwanzig. Auf seinem linken Unterarm verkündet ein Tattoo: „Du verdienst das Paradies, wenn du durch die Hölle gegangen bist.“ Auf dem rechten Unterarm zwei verschlungene schwarze Buchstaben: „QB“. QB für Queensbridge. QB auf immer und ewig. QB ist das Wasser, das er trinkt, und die Luft, die er atmet. QB ist sein ein und alles.

Milaton hatte schon zwei felonies auf dem Buckel. Der amerikanische Begriff felony ist unübersetzbar und bezeichnet in den USA Verbrechen, die mit einer zehnjährigen Gefängnisstrafe geahndet werden: einen Mord, eine Vergewaltigung, einen bewaffneten Raubüberfall, eine Entführung. Wer sich nach zwei felonies ein drittes Mal schnappen lässt, riskiert lebenslänglich, mindestens aber fünfundzwanzig Jahre – egal, welcher Art das dritte Verbrechen ist.

Die meisten Gangstas haben Kinder und eine Familie zu ernähren. Wer keine Arbeit hat, sucht sich eine, koste es, was es wolle. Ganz wie ich glauben diese Männer, dass im Leben alles passieren kann und man um jedes Quäntchen Glück kämpfen muss. Die meisten von ihnen haben Gefängnisstrafen hinter sich, hungrige Mäuler zu stopfen und so viel Stolz, dass sie bei ihren Drogengeschäften lieber ein Leben hinter Gittern riskieren, als um ein paar Dollar zu betteln.“

Ausschnitt aus dem Buch "Keep it Gangsta" von Sandy Lakdar, erschienen bei Camion Blanc (auf Französisch).


Mr. Sche: „Der Begriff ‚Gangsta Rap‘ hat heute jede Bedeutung verloren. All diese Typen, die mit Goldzähnen durch die Welt laufen, sind keine Gangstas, sondern tun nur so, weil es gerade „in“ ist. Echte Gangstas leben auf der Straße und erzählen dir nichts über ihr Leben. Auf die Frage, ob sie in einer Gang sind, antworten sie dir nicht. Aber du erkennst es an ihrer Art, sich zu bewegen, zu sprechen, sich hinzusetzen, an ihren Handbewegungen. Ein echter Gangsta bekennt sich nicht vor der Kamera – außer vielleicht mit einer Maske. Die Zugehörigkeit zu einer Gang ist geheim. Wer der ganzen Welt erzählt, er sei in einer Gang, hat überhaupt nichts begriffen.“

Ausschnitt aus dem Buch "Keep it Gangsta" von Sandy Lakdar, erschienen bei Camion Blanc (auf Französisch).


Heute treffe ich einen Brooklyner Rapper mit dem Spitznamen Divine. Er hat einen kahlrasierten Schädel und trägt ein goldenes Gebiss, eine Lederjacke und ein T-Shirt mit der Aufschrift „!BROOKLYN!“. Ich steige in sein Auto, und er bringt mich zu einem Park in der Myrtle Avenue, kurz vor der Siedlung Fort Greene. Hier erwartet uns sein Homie Justice, ein hochgewachsener, magerer Schwarzer von etwa fünfzig Jahren mit Dreitagebart, Karohemd und Cordhose. Als Justice mich fragt, ob ich an Gott glaube, scheint ihn meine Verneinung zunächst zu verwirren – aber immerhin bin ich ehrlich. Dann erklärt er mir, dass sein Name auf seine Mitgliedschaft bei der Glaubensgemeinschaft Five Percenters zurückgehe, zu deren Aufnahmeritualen es gehöre, einen Namen aus der Bibel zu wählen.

Die Gemeinschaft The Nation of Gods and Earths (Die Nation der Götter und Erden), besser bekannt als Five Percenters, wurde 1964 in Harlem von Clarence 13X gegründet, den seine Anhänger auch „Allah“ oder „The Father“ nennen. Zu ihren Idealen gehören Freiheit, Gerechtigkeit, politische, soziale, wirtschaftliche und religiöse Gleichberechtigung und Bildungsgleichheit in den USA und der ganzen Welt.“

Die neun Lehren der Five Percenters sind folgende:
1. Schwarze Menschen sind das ursprüngliche Volk der Erde.
2. Schwarze Menschen sind Väter und Mütter der Zivilisation.
3. Die Lehre der Supreme Mathematics ist der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses der Menschheit gegenüber dem Universum.
4. Der Islam ist ein natürlicher Lebensweg und keine Religion.
5. Bildung sollte darauf ausgerichtet sein, Schwarze zu einem unabhängigen Volk zu machen.
6. Jedes Individuum sollte andere nach seinem Wissen unterrichten.
7. Der schwarze Mann ist Gott und sein entsprechender Name Allah (Arm, Leg, Leg, Arm, Head).
8. Kinder sind die Verbindung zur Zukunft und müssen genährt, respektiert, geliebt, beschützt und unterrichtet werden.
9. Die vereinigte schwarze Familie ist der grundlegende Baustein der Nation.


Nach Memphis kam ich ziemlich besorgt. Vor allem, weil ich meinen Gastgeber Mr. Sche noch nicht persönlich kannte. Wir hatten lediglich ein paar Emails ausgetauscht… Und dann war da alles, was ich über Memphis und den seltsamen Akzent seiner Bewohner gehört hatte, den ich vielleicht gar nicht verstehen würde. Am Flughafen hält ein Typ ein Schild in die Höhe, auf dem ich meinen Namen las. Es war PimpMinista. Er wohnt in dem Haus, in dem ich untergebracht werden soll, und ist auch derjenige, der aufs Sofa umgezogen ist, um mir sein Zimmer zu überlassen. Auf dem Weg nach Hause erklärt er mir, dass Sche noch zu tun hat und später zu uns stoßen wird. Eine halbe Stunde später besichtigen wir gemeinsam das Haus…

Am Abend nimmt Sche mich auf die Straßen des Viertels und erzählt mir von seinem Leben – dem Leben eines armen Typen aus Memphis, der durch und durch ein Kind der Ghetto-Realität geworden war.

Stundenlang fahren wir durch das Viertel, nur wir beide, bei Tag und bei Nacht. Er zeigt mir die Orte, an denen er aufgewachsen war, seine Schule und das neue Haus, in dem er heute mit seiner Familie lebt. Dabei verschweigt er nicht das kleinste Detail.

Ausschnitt aus dem Buch "Keep it Gangsta" von Sandy Lakdar, erschienen bei Camion Blanc (auf Französisch).